"Doch all dies hatte keinen Einfluss auf mich, oder zumindest nicht genug, um meinen sehnlichsten Wunsch zu baendigen, der mir anhaftete wie eine chronische Krankheit: Ich wollte die Welt sehen"Daniel Defoe, "Das Leben und die seltsamen Abendteuer des Robinson Crusoe"
Nach fuenf Tagen auf hoher See, nach etlichen sturmumheulten Kuesten, Seeloewen Kolonien und eisigen Gletschern, habe ich nun wieder meinen kleinen Heimathafen in Pta. Arenas erreicht.
Auf dem Schiff waren ca. 170 Personen (mit Besatzung) aus 15 verschiedenen Nationen. Ich habe viele sehr nette Leute kennengelernt aus Mexiko, Argentinien und Italien.

Ausserdem war an Bord noch ein Paar aus Murcia und ein Mathe /Physik Professor aus Goettingen! Die Welt ist so klein...

Meine 2-Kabine hatte ich ganz fuer mich alleine, was trotzdem nicht dazu fuehrte, dass ich mir noch einen kleinen Matrosen mit auf die Kabine holte (ein Rat meiner Schwester).

Am ersten Abend war ich vor Aufregung so nervoes, dass ich mir erstmal einen halben Liter Wein einfloeste, was schnell dazu fuehrte, dass ich seekrank wurde. Wobei ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, ob das an dem halben Liter, am Wellengang oder an der Kombination lag. Jedenfalls hatte ich mich in den naechsten Tagen schnell an diese Kombination gewoehnt.
Unsere Rute fuehrte uns durch die Fjorde Feuerlands und den Beagle Kanal nach Puerto Williams, Kap Hoorn und Ushuaia in Argentinien.
Jeden Tag gab es Vorlesungen ueber die Geschichte und Geographie, Fauna und Flora der Region und taeglich haben wir Ausfluege gemacht, fuer die wir in Zodiacs an Land gefahren sind.
"Das Eis war hier, das Eis war dort
Und Eis rings um den Rumpf -
Es stoehnt und sirrt und droehnt und klirrt-
doch wie geknebelt dumpf"
Coleridge, "Der alte Seemann"

Diese Eisbrocken, die ueberall rumschwammen, machten schon einen gespenstischen Eindruck. Spaeter haben wir noch Whiskey mit Gletscher Eiswuerfeln getrunken. 
Mit dem Zodiac sind wir noch weiter gefahren und haben Kormorane, Pinguine und Enten gesehen. Es waren aber spezielle Enten, die ihr ganzes Leben auf dem Wasser verbringen. Nur alle zwei Jahre gehe
n sie an Land um zu brueten.

Am naechsten Tag haben wir den ersten Gletscher besucht: Gletscher Pia. Wieder sind wir mit Zodiacs ganz nah an den Gletscher herran gefahren, um auszusteigen. Dieser Gletscher ist einen km lang und zwei km hoch. Doch irgendwie kam er mir kleiner vor. Ausserdem ist er gerade dabei zu schrumpfen, wie viele Gletscher in dieser Gegend. In den letzten Jahren sind
die Temperaturen in Patagonien stetig gestiegen, weshalb manche Gletscher schon ein vielfaches an Groesse verloren haben. Der Gletscher ist staendig in Bewegung und auch als wir dort waren, konnten wir hoeren wie es im Gletscher rumorte und donnerte. Es klang wirklich wie ein Donnerwetter, als riesige Brocken Eis ins kalte Wasser fielen.

Das Gletscher Eis kann in drei verschiedenen Farben schimmern, es kommt darauf an, wieviel Sauerstoff es enthaelt. Es gibt weisses, blaues und auch schwarz/graues Gletschereis. Es erscheint so dunkel weil es durch Sedimente gefaerbt ist.
Am naechsten Tag kamen wir dann endlich meinem ersehnten Ziel naeher: Kap Hoorn! Dort, so sagt man, umarmen sich der Pazifik und der Atlantik. Es ist die stuermischte und raueste Ecke, die man sich nur aussuchen kann. Eine offizielle Liste der Chilenische Marine zaehlt am Kap Hoorn mehr als 80 gesunkenen Schiffe. Es ist ein richtiger Schiffsfriedhof. Dieses Kap wurde von einem Hollaendischen Seemann bennant, der es nach dem Namen seiner Heimatstadt, Hoorn, taufte. Die Hispanisten passen ja Namen gerne den Charakteristika ihrer Sprache an, somit wurde aus Kap Hoorn, Cabo de Hornos. Was eigentlich gar nicht so lustig waere, wuerde hornos nicht Ofen bedeuten!
Aufgrund des Wetters bestand eine Wahrscheinlichkeit von 80%, dass wir in Kap Hoorn an Land gehen konnten. Als ich an diesem morgen aufwachte, schaukelte das Schiff schon enorm und meine Hoffnungen schwanden. Doch wir hatten Glueck. Schon um 6:00 morgens mussten wir fertig ausgeruestet in den Zodiacs sitzen und ueber spiegelglatte See ging es Richtung Kap der Ofen. Das Meer war so ruhig, eine warme Brise wehte und die Sonne lugte durch die Wolken. Es war unglaublich! Ich war fast schon etwas enttaeuscht. Ich hatte mit meterhohen Wellen, Sturmboehen, gekenterten Zodiacs und abendteuerlichen Turbulenzen gerechnet. Doch es war ein richtiger Spaziergang. Natuerlich bin ich verdammt froh, dass wir so gutes Wetter hatten, aber dafuer dass ich mir dieses Kap immer so windumheult vorgestellt hatte, war das Wetter geradzu lieblich. 
Und dort oben ist richtig was los. 18 Marine Soldaten leben dort jeweils fuer 2 Monate, dann werden sie ausgetauscht. Pedro, einer dieser Soldaten, erzaehlte mir,
dass es auch gar nicht langweilig sei, schliesslich haetten sie einen Fernseher. Ausserdem muessen sie den Verkehr um Kap Hoorn kontrolieren, der wirklich enorm sein mu
ss (!!). Es gibt auch eine kleine suesse Kapelle ganz aus Holz. Sie heisst Stella Maris, nach den Sternen und dem Meer bennant.
(bitte verkneift euch Kommentare zu meiner tollen Sturm-Wind-und-Wetter-Allzweck-Hose, ich habe ihr schon vieles zu verdanken!)
Vor ein paar Jahren wurde auf Kap Hoorn ein Monument errichtet, das eine Albatros darstellt. Dieser Vogel ist das Maskotchen der Seefahrer. Oder besser gesagt, der verstorbenen Seefahrer. Sie glauben, dass die Albatros auf ihren Fluegeln die Seelen der Seefahrer mitnimmt. Um den vielen verstorbenen Seefahrern zu denken, wurde es also errichtet. Aufgrund der vielen Touristen, konnte man leider die Stille dort am Ende der Welt (geographisch gesehen, natuerlich), gar nicht so richtig geniessen. Trotzdem war es sehr spannend, dort gewesen zu sein. 
Der Kapitaen des Schiffes, Juan Reimann, kam mir gleich ziemlich Deutsch vor. Er haette genauso gut ein Kapitaen in Hamburg sein koennen. Spaeter stellte sich herraus, dass seine Grosseltern tatsaechlich aus Hamburg kamen.

Hier erklaert er uns die Rute auf der Bruecke.

Nach unserem kleinen Ausflug zum Kap Hoorn fuhren wir den Beagel Kanal weiter Richtung Puerto Williams. Es ist ein winziges, malerisches Doerfchen das 2000 Einwohner zaehlt. 1000 davon sind Soldaten, die anderen 1000 sind Fischer. Vor Allem fischen sie Centolla, ein Hummer aehnlicher Krebs, fuer den in Santiago und Buenos Aires gutes Geld bezahlt wird.

Puerto Williams ist extrem isoliert: Es gibt eine Faehre von Pta. Arenas, die den Hafen einmal in der Woche anfaehrt, doch die Reise nach Pta. Arenas dauert 36 Stunden. Es gibt noch ein kleines Flugzeug, doch das transportiert hauptsaechlich Lebensmittel und andere Waren. Eher selten Passagiere.


Fuer die meisten Einwohner ist es viel zu teuer, per Flugzeug nach Pta. Arenas zu gelangen.
Seit vielen Jahren ist in Puerto Williams kein Kind mehr geboren. Bis zum 7. Monat der Schwangerschaft bleiben die Frauen in ihrem Dorf, doch dann muessen sie nach Pta. Arenas gehen, um ihr Kind zur Welt zu bringen, da es in ihrem Dorf kein Krankenhaus gibt.

Am fuenften Tag erreichten wir Ushuaia, das Ende der Welt, und somit auch das Ende unserer Reise. Die Stadt ist sehr viel kleiner als Pta. Arenas aber auch gemuetlicher. Der Slogan der Stadt ist: Ushuaia- end of the world, the beginning of everything. Naja, kommt wohl immer auf die Sichtweise an.
Urspruenglich gab es in Ushuaia nur ein grosses Gefaengnis. Drum herum hat sich dann nach und nach die Stadt entwickelt. Heute ist dieses Gefaengnis ein Museum. Die Stadt ist, wie Pta. Arenas noch recht jung und hat nicht wirklich viel zu bieten. Trotzdem freute ich mich darauf, hier noch einen vollen Tag zu verbringen. Leider hatte es den kompletten Tag geregnet, also beschloss ich einen Museums Tag einzulegen. Gletscher und Landschaften hatte ich jetzt schon genug gesehen. 
Ich schaute mir das Museum "Fin del Mundo" und das ehemalige Gefaengnis an. Doch was ich besonders schoen fand, waren die schneebedeckten Bergspitzen hinter der Stadt. Ich uebernachtete in einer Jugendherberge, wo ich abends noch andere Rucksacktouristen aus Israel, Belgien, Schweden und Spanien traf.
Am naechsten morgen ging es um 8:00 im Bus zurueck nach Pta. Arenas. Ich hatte eine 12stuendige Fahrt vor mir und war nicht besonders gluecklich darueber! Aber die Zeit verging ueberraschend schnell und drei von den Israelischen Maedchen fuhren im gleichen Bus. Wir hatten uns viel zu erzaehlen und so vergingen die Stunden. Als wir in den Bergen hinter Ushuaia ankamen, hatte es so stark geschneit, dass wir anhalten mussten. Die Strassen waren eine einzige Rutschbahn und der Fahrer musste schnell seine Schneeketten anlegen. Bald kam ich auch dahinter, warum diese Fahrt 12 Stunden dauern sollte: Zuerst musste unser Fahrer noch vier weiteren LKW Fahrern beim Schneeketten-Anlegen helfen, ausserdem waren die Sicht und die Strassen extrem schlecht.
Als wir hinter der
Chilenischen Grenze wieder den wohl bekannten, kargen Pampa Landschaften begegneten, war es so einsam, dass wir nur sehr selten ein anderes Fahrzeug trafen. Doch wenn wir eines trafen, freute sich unser Fahrer so sehr, dass er sofort anhielt, das Fenster runterkurbelte und erst mal den anderen Fahrer interviewte.
Bevor wir Pta. Arenas erreichten, mussten wir noch die Magallanes Strasse ueberqueren, was nur eine halbe Stunde dauerte.
Abends um 20:00 erreichten wir endlich die Stadt. Anscheinend fuehle ich mich hier schon richtig heimisch, denn als ich die Lichter der Stadt sah, war ich total gluecklich wieder nach "Hause" zu kommen. Doch ich hatte nicht viel Zeit meiner Gastmutter Raquel von der Reise zu erzaehlen, denn ich war um 21:00 bei einer der Lehrerinnen zum Essen eingeladen, zusammen mit Thomas, dem anderen Volontaer. Also bin ich im Sauseschritt durch die Dusche, durch den Regen und wieder zu der Lehrerin geflitzt. 
Es sind noch so viele schoene Dinge passiert, doch die alle niederzuschreiben, wuerde den Rahmen meiner kleinen blogspot Seite sprengen. Ausserdem erzaehle ich Euch lieber persoenlich davon, wenn ich wieder zurueck bin.
"Es war einer dieser Tage...an denen ich all meine Sorgen vergass, meine Fehlschlaege und meine Angst vor dem Schreiben. Ich war genau da, wo ich sein wollte, und tat, was ich am liebsten tat. Ich war so weit vom Ufer entfernt..."
Paul Theroux, "Die gluecklichen Inseln Ozeaniens"