Sunday, April 09, 2006

Abschied von Punta Arenas

Nachdem ich von meiner kleinen Schiffreise zurückkam, blieben mir nur noch drei Tage in Punta Arenas, und jeden Tag wurde Abschied gefeiert.
Gleich am Donnerstagabend, nach meiner 12stündigen Busfahrt, waren Thomas und ich zum Abschied-Abendessen bei einer der Lehrerinnen eingeladen. Die tischen hier immer solche Unmengen an Essen auf...ich habe wahrscheinlich noch nie solche Mengen in so kurzer Zeit gegessen!
Freitag morgen ging es dann in der Schule weiter. Die Lehrer hatten ein Abschieds-Frühstück für uns vorbereitet. Jeder hatte Kuchen, Kekse oder Sandwiches mitgebracht und sie holten ihr bestes Porzellan hervor. Der Direktor hielt noch eine kleine Abschieds-Rede (in der er immer wieder die Bedeutung der Englischen Sprache betonte, während er selbst kaum über zwei vollständige Sätze hinauskam) und schenkte jedem von uns eine DVD über Patagonien. Obwohl ich nur relativ kurze Zeit hier war, war ich doch etwas wehmütig, mich jetzt wieder von allen verabschieden zu müssen, denn ich hatte mich an der Schule wirklich sehr wohl gefühlt.

Da eine der Englisch Lehrerinnen uns Donnerstag eingeladen hatte, wollte eine andere es sich natürlich nicht nehmen lassen, uns auch zu sich einzuladen. Also machten Thomas und ich uns Samstag auf den Weg zu dieser Lehrerin, und wieder bogen sich die Tische vor Essen.
Als ich nachmittags nach Hause kam, war bei uns zu Hause gerade Kindergeburtstag angesagt. Die kleine Enkelin von Raquel aus Santiago, Isidora, feierte ihren zweiten Geburtstag. Es waren 13 Kleinkinder bei uns inklusive den dazugehörigen Eltern. Und wieder gab es Berge von Torten, Chips und anderen Schweinereien. Ihr könnt euch sicher vorstellen was dort abging!
Abends wurde dann noch mit den anderen Volontären in der Disco etwas gefeiert und danach bin ich k.o. ins Bett gefallen.
Am Sonntag, habe ich noch meine Freundin Macarena und ihre Familie besucht, um mich zu verabschieden. Sie haben mir noch mehr Literatur über Chile geschenkt, was super passte, da mir gerade meine Bücher ausgegangen waren.
Ich bin sehr froh, dass ich diese Reise machen konnte. Ich werde viele schöne Erinnerungen, Erfahrungen, Telefonnummern, Fotos, Bücher und Andenken mitbringen, von denen ich noch lange zehren werde. Doch ich freue mich auch, dass es jetzt wieder Richtung Heimat geht. Schliesslich bin ich schon seit September (bis auf zwei kleine Unterbrechungen) unterwegs. Ich freue mich auf den Göttinger Frühling (denn hier ist es doch ziemlich windig), meine Freunde, Christian und meine Familie, auf deutsches Brot, deutsche Tagesschau, aufs Fahrradfahren und eigentlich freue ich mich auch auf die Uni.

Wednesday, April 05, 2006

6:15 am, 04.04.06, Kap Hoorn

"Doch all dies hatte keinen Einfluss auf mich, oder zumindest nicht genug, um meinen sehnlichsten Wunsch zu baendigen, der mir anhaftete wie eine chronische Krankheit: Ich wollte die Welt sehen"
Daniel Defoe, "Das Leben und die seltsamen Abendteuer des Robinson Crusoe"



Nach fuenf Tagen auf hoher See, nach etlichen sturmumheulten Kuesten, Seeloewen Kolonien und eisigen Gletschern, habe ich nun wieder meinen kleinen Heimathafen in Pta. Arenas erreicht.
Auf dem Schiff waren ca. 170 Personen (mit Besatzung) aus 15 verschiedenen Nationen. Ich habe viele sehr nette Leute kennengelernt aus Mexiko, Argentinien und Italien. Ausserdem war an Bord noch ein Paar aus Murcia und ein Mathe /Physik Professor aus Goettingen! Die Welt ist so klein...
Meine 2-Kabine hatte ich ganz fuer mich alleine, was trotzdem nicht dazu fuehrte, dass ich mir noch einen kleinen Matrosen mit auf die Kabine holte (ein Rat meiner Schwester).
Am ersten Abend war ich vor Aufregung so nervoes, dass ich mir erstmal einen halben Liter Wein einfloeste, was schnell dazu fuehrte, dass ich seekrank wurde. Wobei ich jetzt nicht mehr nachvollziehen kann, ob das an dem halben Liter, am Wellengang oder an der Kombination lag. Jedenfalls hatte ich mich in den naechsten Tagen schnell an diese Kombination gewoehnt.
Unsere Rute fuehrte uns durch die Fjorde Feuerlands und den Beagle Kanal nach Puerto Williams, Kap Hoorn und Ushuaia in Argentinien.
Jeden Tag gab es Vorlesungen ueber die Geschichte und Geographie, Fauna und Flora der Region und taeglich haben wir Ausfluege gemacht, fuer die wir in Zodiacs an Land gefahren sind.


Das hier ist zum Beispiel ein Magallanischer Wald, wobei das Wort "Wald" wohl nicht sehr zutrifft. Sehr kark und herb die Gegend, aber trotzdem spannend. Dort waechst ausser Moosen, Graeser, ein paar Straeuchern und Baeumchen, kaum etwas.

Spaeter kamen wir an dieser Seeloewen Kolonie vorbei. Es sind ziemlich faule Tiere. Wir konnten uns ihnen auf bis zu fuenf Metern naehern. Sie haben zwar ziemlich scharfe Zaehne und koennen auch gefaehrlich werden, aber momentan sind sie in der Phase, in der sie sich haeuten. Ihre Haut ist jetzt sehr sensibel, weshalb sie sich so wenig wie moeglich bewegen. Schwimmen koennen sie im Moment auch nicht, da ihre duenne Haut sie zu wenig vor dem kalten Wasser schuetzen wuerde. Leider rochen sie auf diese kurze Entfernung auch recht faul.

"Das Eis war hier, das Eis war dort
Und Eis rings um den Rumpf -
Es stoehnt und sirrt und droehnt und klirrt-
doch wie geknebelt dumpf"
Coleridge, "Der alte Seemann"

Diese Eisbrocken, die ueberall rumschwammen, machten schon einen gespenstischen Eindruck. Spaeter haben wir noch Whiskey mit Gletscher Eiswuerfeln getrunken.

Mit dem Zodiac sind wir noch weiter gefahren und haben Kormorane, Pinguine und Enten gesehen. Es waren aber spezielle Enten, die ihr ganzes Leben auf dem Wasser verbringen. Nur alle zwei Jahre gehen sie an Land um zu brueten.

Am naechsten Tag haben wir den ersten Gletscher besucht: Gletscher Pia. Wieder sind wir mit Zodiacs ganz nah an den Gletscher herran gefahren, um auszusteigen. Dieser Gletscher ist einen km lang und zwei km hoch. Doch irgendwie kam er mir kleiner vor. Ausserdem ist er gerade dabei zu schrumpfen, wie viele Gletscher in dieser Gegend. In den letzten Jahren sind die Temperaturen in Patagonien stetig gestiegen, weshalb manche Gletscher schon ein vielfaches an Groesse verloren haben. Der Gletscher ist staendig in Bewegung und auch als wir dort waren, konnten wir hoeren wie es im Gletscher rumorte und donnerte. Es klang wirklich wie ein Donnerwetter, als riesige Brocken Eis ins kalte Wasser fielen.

Das Gletscher Eis kann in drei verschiedenen Farben schimmern, es kommt darauf an, wieviel Sauerstoff es enthaelt. Es gibt weisses, blaues und auch schwarz/graues Gletschereis. Es erscheint so dunkel weil es durch Sedimente gefaerbt ist.

Am naechsten Tag kamen wir dann endlich meinem ersehnten Ziel naeher: Kap Hoorn! Dort, so sagt man, umarmen sich der Pazifik und der Atlantik. Es ist die stuermischte und raueste Ecke, die man sich nur aussuchen kann. Eine offizielle Liste der Chilenische Marine zaehlt am Kap Hoorn mehr als 80 gesunkenen Schiffe. Es ist ein richtiger Schiffsfriedhof. Dieses Kap wurde von einem Hollaendischen Seemann bennant, der es nach dem Namen seiner Heimatstadt, Hoorn, taufte. Die Hispanisten passen ja Namen gerne den Charakteristika ihrer Sprache an, somit wurde aus Kap Hoorn, Cabo de Hornos. Was eigentlich gar nicht so lustig waere, wuerde hornos nicht Ofen bedeuten!

Aufgrund des Wetters bestand eine Wahrscheinlichkeit von 80%, dass wir in Kap Hoorn an Land gehen konnten. Als ich an diesem morgen aufwachte, schaukelte das Schiff schon enorm und meine Hoffnungen schwanden. Doch wir hatten Glueck. Schon um 6:00 morgens mussten wir fertig ausgeruestet in den Zodiacs sitzen und ueber spiegelglatte See ging es Richtung Kap der Ofen. Das Meer war so ruhig, eine warme Brise wehte und die Sonne lugte durch die Wolken. Es war unglaublich! Ich war fast schon etwas enttaeuscht. Ich hatte mit meterhohen Wellen, Sturmboehen, gekenterten Zodiacs und abendteuerlichen Turbulenzen gerechnet. Doch es war ein richtiger Spaziergang. Natuerlich bin ich verdammt froh, dass wir so gutes Wetter hatten, aber dafuer dass ich mir dieses Kap immer so windumheult vorgestellt hatte, war das Wetter geradzu lieblich.

Und dort oben ist richtig was los. 18 Marine Soldaten leben dort jeweils fuer 2 Monate, dann werden sie ausgetauscht. Pedro, einer dieser Soldaten, erzaehlte mir, dass es auch gar nicht langweilig sei, schliesslich haetten sie einen Fernseher. Ausserdem muessen sie den Verkehr um Kap Hoorn kontrolieren, der wirklich enorm sein muss (!!). Es gibt auch eine kleine suesse Kapelle ganz aus Holz. Sie heisst Stella Maris, nach den Sternen und dem Meer bennant.

(bitte verkneift euch Kommentare zu meiner tollen Sturm-Wind-und-Wetter-Allzweck-Hose, ich habe ihr schon vieles zu verdanken!)

Vor ein paar Jahren wurde auf Kap Hoorn ein Monument errichtet, das eine Albatros darstellt. Dieser Vogel ist das Maskotchen der Seefahrer. Oder besser gesagt, der verstorbenen Seefahrer. Sie glauben, dass die Albatros auf ihren Fluegeln die Seelen der Seefahrer mitnimmt. Um den vielen verstorbenen Seefahrern zu denken, wurde es also errichtet. Aufgrund der vielen Touristen, konnte man leider die Stille dort am Ende der Welt (geographisch gesehen, natuerlich), gar nicht so richtig geniessen. Trotzdem war es sehr spannend, dort gewesen zu sein.


Der Kapitaen des Schiffes, Juan Reimann, kam mir gleich ziemlich Deutsch vor. Er haette genauso gut ein Kapitaen in Hamburg sein koennen. Spaeter stellte sich herraus, dass seine Grosseltern tatsaechlich aus Hamburg kamen. Hier erklaert er uns die Rute auf der Bruecke.









Nach unserem kleinen Ausflug zum Kap Hoorn fuhren wir den Beagel Kanal weiter Richtung Puerto Williams. Es ist ein winziges, malerisches Doerfchen das 2000 Einwohner zaehlt. 1000 davon sind Soldaten, die anderen 1000 sind Fischer. Vor Allem fischen sie Centolla, ein Hummer aehnlicher Krebs, fuer den in Santiago und Buenos Aires gutes Geld bezahlt wird.
Puerto Williams ist extrem isoliert: Es gibt eine Faehre von Pta. Arenas, die den Hafen einmal in der Woche anfaehrt, doch die Reise nach Pta. Arenas dauert 36 Stunden. Es gibt noch ein kleines Flugzeug, doch das transportiert hauptsaechlich Lebensmittel und andere Waren. Eher selten Passagiere.Fuer die meisten Einwohner ist es viel zu teuer, per Flugzeug nach Pta. Arenas zu gelangen.
Seit vielen Jahren ist in Puerto Williams kein Kind mehr geboren. Bis zum 7. Monat der Schwangerschaft bleiben die Frauen in ihrem Dorf, doch dann muessen sie nach Pta. Arenas gehen, um ihr Kind zur Welt zu bringen, da es in ihrem Dorf kein Krankenhaus gibt.

Am fuenften Tag erreichten wir Ushuaia, das Ende der Welt, und somit auch das Ende unserer Reise. Die Stadt ist sehr viel kleiner als Pta. Arenas aber auch gemuetlicher. Der Slogan der Stadt ist: Ushuaia- end of the world, the beginning of everything. Naja, kommt wohl immer auf die Sichtweise an.

Urspruenglich gab es in Ushuaia nur ein grosses Gefaengnis. Drum herum hat sich dann nach und nach die Stadt entwickelt. Heute ist dieses Gefaengnis ein Museum. Die Stadt ist, wie Pta. Arenas noch recht jung und hat nicht wirklich viel zu bieten. Trotzdem freute ich mich darauf, hier noch einen vollen Tag zu verbringen. Leider hatte es den kompletten Tag geregnet, also beschloss ich einen Museums Tag einzulegen. Gletscher und Landschaften hatte ich jetzt schon genug gesehen.

Ich schaute mir das Museum "Fin del Mundo" und das ehemalige Gefaengnis an. Doch was ich besonders schoen fand, waren die schneebedeckten Bergspitzen hinter der Stadt. Ich uebernachtete in einer Jugendherberge, wo ich abends noch andere Rucksacktouristen aus Israel, Belgien, Schweden und Spanien traf.

Am naechsten morgen ging es um 8:00 im Bus zurueck nach Pta. Arenas. Ich hatte eine 12stuendige Fahrt vor mir und war nicht besonders gluecklich darueber! Aber die Zeit verging ueberraschend schnell und drei von den Israelischen Maedchen fuhren im gleichen Bus. Wir hatten uns viel zu erzaehlen und so vergingen die Stunden. Als wir in den Bergen hinter Ushuaia ankamen, hatte es so stark geschneit, dass wir anhalten mussten. Die Strassen waren eine einzige Rutschbahn und der Fahrer musste schnell seine Schneeketten anlegen. Bald kam ich auch dahinter, warum diese Fahrt 12 Stunden dauern sollte: Zuerst musste unser Fahrer noch vier weiteren LKW Fahrern beim Schneeketten-Anlegen helfen, ausserdem waren die Sicht und die Strassen extrem schlecht. Als wir hinter der Chilenischen Grenze wieder den wohl bekannten, kargen Pampa Landschaften begegneten, war es so einsam, dass wir nur sehr selten ein anderes Fahrzeug trafen. Doch wenn wir eines trafen, freute sich unser Fahrer so sehr, dass er sofort anhielt, das Fenster runterkurbelte und erst mal den anderen Fahrer interviewte.

Bevor wir Pta. Arenas erreichten, mussten wir noch die Magallanes Strasse ueberqueren, was nur eine halbe Stunde dauerte.

Abends um 20:00 erreichten wir endlich die Stadt. Anscheinend fuehle ich mich hier schon richtig heimisch, denn als ich die Lichter der Stadt sah, war ich total gluecklich wieder nach "Hause" zu kommen. Doch ich hatte nicht viel Zeit meiner Gastmutter Raquel von der Reise zu erzaehlen, denn ich war um 21:00 bei einer der Lehrerinnen zum Essen eingeladen, zusammen mit Thomas, dem anderen Volontaer. Also bin ich im Sauseschritt durch die Dusche, durch den Regen und wieder zu der Lehrerin geflitzt.

Es sind noch so viele schoene Dinge passiert, doch die alle niederzuschreiben, wuerde den Rahmen meiner kleinen blogspot Seite sprengen. Ausserdem erzaehle ich Euch lieber persoenlich davon, wenn ich wieder zurueck bin.

"Es war einer dieser Tage...an denen ich all meine Sorgen vergass, meine Fehlschlaege und meine Angst vor dem Schreiben. Ich war genau da, wo ich sein wollte, und tat, was ich am liebsten tat. Ich war so weit vom Ufer entfernt..."

Paul Theroux, "Die gluecklichen Inseln Ozeaniens"

Sunday, March 26, 2006

Fazit nach drei Wochen

Die Chilenen sind ein sehr herzliches Voelkchen. Wahrscheinlich ist das einer der Gruende, warum ich mich hier von Anfang an sehr wohlgefuehlt habe. Meine kleine temporaere Familie ist immer sehr besorgt um meine Schweizer Mitbewohnerin, Andrea, und mich und ich geniesse es, dass sie uns an ihrem Familienleben teilhaben lassen.
Bis jetzt habe ich nur einige kleine Ausfluege machen koennen, da ich ja in der Woche immer in der Schule bin. Ausserdem ist Pta. Arenas einfach von ALLEM weit weg. Die naechste groessere Stadt ist Puerto Natales (wo ich schon war), mit ca. 2000 Einwohnern. Ansonsten kann man noch nach Argentinien reisen (wo ich auch schon war), was allerdings eine 6std. Busfahrt entfernt ist. Und das kulturelle Angebot der Stadt habe ich auch schon abgehaken koennen (es ist ueberschaubar!).
Doch: Am 1. April werde ich eine kleine Expeditionstour auf einem Schiff machen. Wir werden durch die Fjorde und den Beagel Kanal fahren, mehrere Gletscher und Seehundkolonien sehen, nach Puerto Williams fahren (das suedlichste DORF Chiles), nach Ushuaia (die suedlichste STADT Argentinies) und vor Allem zum Kap Hoorn fahren. Ich bin schon sehr gespannt auf diese Fahrt und ich glaube, es wird ein kleines Abendteuer.

Der Schulalltag ist hier um einiges strammer als in Deutschland. Jeden Tag haben die Schueler Unterricht von 8:00 bis 18:20 Uhr. Es gibt zwar eine Mittagspause von 13:00 bis 15:00, trotzdem bin ich nach so einem Schultag immer ziemlich platt. Die Stunden dauern 90 min und nach jeder Stunde koennte ich jedesmal direkt einen Schokoriegel verdruecken, weil es mich so hungrig macht. Trotzdem muss ich sagen, dass mir das Unterrichten hier verdammt viel Spass macht! Die Schueler sind zwischen 14 und 16 und koennen leider nur sehr wenig Englisch, aber da ich Spanisch kann, kann ich ihnen auch vieles erklaeren, was sie auf Englisch nicht verstehen. Ich kann nicht sagen, dass es hier viel strenger und disziplinierter zugeht als in Deutschland, aber die meisten Schueler sind sehr nett zu mir und eigentlich vestehe ich mich mit allen gut. Ich habe zwar keine Lieblings-Schueler, aber Lieblings-Klassen. Mit manchen kann man einfach total gut arbeiten, sie sind interessiert und fragen viel. Aber es gibt auch einige Klassen, die sich ewig an den leichtesten Sachen aufhalten. Manche schalten total ab oder sind einfach ziemlich frech.
Trotzdem macht es mir sehr viel Spass.
Und das Beste ist: Ich hatte immer gedacht, dass Lehramt wohl doch nicht das richtige Studium fuer mich sei. Ich dachte immer, dass ich frueher oder spaeter doch noch etwas anderes machen wuerde. Ich konnte mir nie wirklich vorstellen vor einer Klasse zu stehen und wusste nicht ob ich genuegend Autoritaet haben wuerde.
Und hier mache ich gerade genau die gegenteilige Erfahrung. Sobald ich im Unterricht bin habe ich total viel Energie, die Schueler respektieren mich (obwohl ich nur ein paar Jahre aelter bin als sie) und ich glaube (und hoffe) ihnen gefaellt mein Unterricht. Sie nennen mich immer nur Teacher oder Alena, weil sie sich meinen Nachnamen nicht merken koennen, und in den Pausen auf dem Flur oder nach der Schule auf der Strasse hoere ich immer Stimmchen "teacher, hello teacher". Aber es sind immer so viele Kinder, so dass ich nie weiss wo es herkommt.
Allein fuer diese Erfahrung war es schon Wert hierher zukommen!

Das Essen ist hier noch so eine Sache. Da Pta. Arenas relativ isoliert ist, sind die Menschen daran gewoehnt sehr viel Kartoffeln und Fleisch zu essen, denn Gemuese waechst hier nicht wirklich. Bis vor zehn Jahren war Obst und Gemuese hier unten dreimal so teuer wie im Rest des Landes. Frueher wurde die Ware fuer den Transport eingefroren und hier unten wieder aufgetaut. Deshalb war es ziemlich teuer und die Qualitaet war auch nicht unbedingt berauschend. Doch jetzt kommt die meiste Ware aus Argentinien und inzwischen ist Obst und Gemuese sehr viel frischer und guenstiger. Trotzdem sprueht die Kueche hier unten nicht unbedingt vor Rafinesse. Pta. Arenas ist zwar ein Hafen und es gibt sehr viel Fisch, doch das Meiste wird exportiert. Bei meiner Gastfamilie gibt es immer SEHR viel Fleisch. Und sehr viel Torte. Wenn man bei uns den Kuehlschrank aufmacht, kann das schon mal so aussehen:

Die Chilenen lieben naemlich alles, was suess ist. Vor Allem riesige Sahnetorten, kleine Gebaeckstueckchen, Eis (trotz der Kaelte gibt es Unmengen von Eisstaenden!) und suesse Getraenke. Darum leiden auch sehr viele Chilenen unter Uebergewicht und leider auch viele unter Diabetis. Eigentlich stehe ich ja auch verstaerkt auf alles Suesse, aber seitdem ich hier bin, laechze ich nach Herzhaftem. Was mich hier sehr gewundert hat, ist dass es hier nur Instant Kaffee gibt. Egal wo man hinkommt, bekommt man heisses Wasser mit Kaffeepulver! Im Supermarkt musste ich richtig suchen, um vernuenftigen gemahlenen Kaffee zu finden. Und das in Sued Amerika!
Neben Andrea und mir gibt es hier noch ca. zehn andere Volontaere, die aus England, Deutschland, Oesterreich und der Schweiz kommen. Die meisten arbeiten im Kindergarten oder in anderen Schulen. In meiner Schule arbeitet nur noch Thomas, aus England, der jetzt am Montag allerdings schon wieder abreist. Unsere Lieblingsbeschaeftigung im Moment ist Poker! Hier sind noch ein paar Schnappschuesse aus unserem Leben, nach der Schule.




Vor ein paar Tagen wurden Thomas und ich von einer der Englisch Lehrerinnen eingeladen. Wir kamen um 17:00, was die typische Zeit fuer den "once" (elf) ist. Man trinkt Tee oder Kaffee, isst ein Stueckchen Kuchen oder eine Scheibe Brot. Keiner konnte mir erklaeren, warum diese Mahlzeit, die man um 17:00 zu sich nimmt, gerade ELF genannt wird. Aber es gibt viele Geruechte! Eines besagt, dass "once" ein Code sei fuer den Schnaps hierbabuena, ein Wort mit ELF Buchstaben. Aha! Vielleicht haben vor vielen Jahren die Damen der feinen Gesellschaft statt ihres five-o'clock-teas, hierbabuena in ihren Tassen gehabt, und haben dieses mit Hilfe des Codes "once" gut verheimlichen koennen. Oder Arbeiter einer hierbabuena Fabrik goennten sich oefter mal nach Feierabend ein Glaeschen hierbabuena und nannten es ONCE, damit ihr Chef nicht dahinter kam. Man weiss es nicht, aber ich finde es ziemlich spannend und man kann sich bestimmt noch viele andere Erklaerungen fuer die Bedeutung des Once einfallen lassen. Nachdem wir uns also once gegoennt hatten, haben wir fuer diese Lehrerin Englische Dialoge auf Kasette aufgenommen, die sie fuer ihren Englisch Unterricht benutzten moechte. Thomas und ich sind somit als Unterrichtsmaterial nun am Ende der Welt verewigt worden.

Leider vergeht die Zeit hier viel zu schnell und ich kann kaum glauben, dass mehr als die Haelfte meines Aufenthalts schon vorbei ist. Chile ist wirklich ein spannendes Land, es gibt hier einfach Alles: Wuesten und Hitze im Norden, Seen und Waelder in der "Mitte" (sozusagen) und das ewige Eis im Sueden. Der Teil der Chilenischen Antarktik ist uebrigens zweimal so gross, wie das Land selbst. Die Chilenen in Santiago behaupten, dass die Hauptstadt der Mittelpunkt des Landes sei. Doch die Menschen hier unten in Pta. Arenas beschwoeren, dass ihre Stadt die Mitte des Landes bildet. Denn wenn man auf der Landkarte den antarktische Teil des Landes beruecksichtigt, liegt Punta Arenas tatsaechlich in der Mitte. Leider sind die Ozon Werte in Punta Arenas sehr hoch und manchmal wobbelt das Ozonloch direkt ueber der Stadt. Das hat schon dazu gefuehrt, dass viele Tiere blind oder krank werden, und dass man sehr viele abgestorbene Baeume sieht. Also muss man hier wirklich jeden Tag Sonnencreme benutzen!

Chile ist unterteilt in 12 Regionen, die einfach nur nummeriert sind (was ich nicht sehr kreativ finde). Punta Arenas liegt in der 12. Region, die auch "Region de Magallanes y de la Antarctica Chilena" genannt wird. Eine Reise in die Antarktik waere natuerlich auch noch ein Traum von mir, aber da jetzt der Winter beginnt und das Wetter schlechter wird, wird es immer schwieriger und teuerer dorthin zu kommen. Ich koennte natuerlich noch mal bei der Chilenischen Luftwaffe anfragen, aber ich weiss nicht wie spontan die sind.


Das hier sind Fotos von der Universitaet in Punta Arenas. Die Uni hat nur 1000 Studenten! Man kann auch nicht alles studieren, soweit ich weiss nur Lehramt, Maschinenbau, Sprachen, Krankengymnastik (ja) und noch ein paar Studiengaenge, an die ich mich nicht mehr richtig erninnere. Im Moment sind sie aber dabei, die Uni um ein Vielfaches zu erweitern. Ich glaube, hierher kommt kaum jemand freiwillig zum studieren. Da es hier so kalt und ungemuetlich ist. Wer die Wahl hat, sucht sich eher eine Uni im Norden aus.
Eine Freundin von mir, Macarena. die hier studiert, hat mir vor ein paar Tagen eine kleine Tour duch die Uni gegeben. Wir sassen auf dem Flug von Santiago nach Punta Arenas nebeneinander, so haben wir uns kennengelernt und angefreundet. Da ihr Vater bei der Marine ist, hat sie schon ueberall in Chile gelebt, sogar fuenf Jahre auf den Oster Inseln, und wusste nicht mal, dass man dort leben koennte! Aber dort gibt es eine Schule, eine richtige Infrastruktur und alles, was man zum leben braucht. Sie hat mir erzaehlt, dass sie sich hier in Pta. Arenas sogar isolierter fuehlt als damals auf den Oster Inseln.

Saturday, March 25, 2006

Kuhstall

Wenn ihr diese Bilder seht, werden manche von Euch sehr wahrscheinlich denken "Was macht Alena eigentlich im Kuhstall?" Ehrlich gesagt, weiss ich es auch nicht so genau, es hat sich einfach ergeben.
Als ich letzte Woche mit meinem kleinen Pferde Gaucho ausreiten war, kamen wir an einem Kuhstall vorbei. Der Kuhbauer war auch gerade da, und als ich ihn fragte, ob ich mir seine Molkerei anschauen koennte, haben wir spontan einen Termin fuer die naechste Woche ausgemacht.
Ich bin zwar nicht der Kuh- oder Bauernhof-Fan schlechthin, aber da sich die Moeglichkeit anbot, mein letzter Estancia Aufenthalt sehr traurig war und ich wahrscheinlich nie wieder Kuehe am Ende der Welt beim Melken zu sehen wuerde, habe ich die Chance genutzt.
Also bin ich letzten Freitag - diesmal mit drei Gauchos - zu diesem Kuhstall geritten. Der ist mit 40 Kuehen relativ klein (glaube ich, ich kenne mich mit den Kuhstall Dimensionen nicht so gut aus) und seit drei Generationen in der Familie.
Die Baeuerin, Adriana, hat mich noch von ihrem selbstgemachten Kaese probieren lassen, den ich komplett haette aufessen koennen, auch ohne Brot, so lecker war er. Einen Teil der Milch behaelt die Familie fuer sich aber das meiste wird an eine Frau verkauft die daraus Kaese macht.
Adriana hat mir erzaehlt, dass ihr Uropa aus Deutschland kam und sich in Santiago niederliess. Als ihr Opa dann eine Chilenin heiratete, wurde er von seiner Familie verstossen und ist quasi nach Pta. Arenas geflohen, wo Adriana auch aufwuchs. Ihr Maedchenname ist Schneider.
Ich dachte zuerst in dem Stall wuerde es nach Kuhschiete riechen, aber das war gar nicht der Fall. In der Luft hing die ganze Zeit so ein angenehmer Duft von warmer Milch. Sie liessen mich auch die Milch probieren, die Adrianas Mann, Marco, gerade frisch vom Euter in den Becher gezapft hatte. So frische Milch hatte ich bis dahin noch nie probiert, und ich war vollkommen begeistert: Die Milch war leicht warm, obendrauf lag leichter Schaum, weil es so frisch war und es war koestlich kremig!

In disem Stall haben sie eine einzige Melkmaschiene, mit der sie die Kuehe alle nacheinander melken muessen. Es ist aus dem Jahr 1934 und uebrigens aus Deutschland! Da hat sich die gute deutsche Wertarbeit schon recht lange bewaehrt.
Da mein letzter Besuch auf einer Estancia ja ziemlich enttaeuschend war, war ich umso gluecklicher mit meinem kleinen Erlebnis in einem magallanischen Kuhstall!