Bis jetzt habe ich nur einige kleine Ausfluege machen koennen, da ich ja in der Woche immer in der Schule bin. Ausserdem ist Pta. Arenas einfach von ALLEM weit weg. Die naechste groessere Stadt ist Puerto Natales (wo ich schon war), mit ca. 2000 Einwohnern. Ansonsten kann man noch nach Argentinien reisen (wo ich auch schon war), was allerdings eine 6std. Busfahrt entfernt ist. Und das kulturelle Angebot der Stadt habe ich auch schon abgehaken koennen (es ist ueberschaubar!).
Doch: Am 1. April werde ich eine kleine Expeditionstour auf einem Schiff machen. Wir werden durch die Fjorde und den Beagel Kanal fahren, mehrere Gletscher und Seehundkolonien sehen, nach Puerto Williams fahren (das suedlichste DORF Chiles), nach Ushuaia (die suedlichste STADT Argentinies) und vor Allem zum Kap Hoorn fahren. Ich bin schon sehr gespannt auf diese Fahrt und ich glaube, es wird ein kleines Abendteuer.
Der Schulalltag ist hier um einiges strammer als in Deutschland. Jeden Tag haben die Schueler Unterricht von 8:00 bis 18:20 Uhr. Es gibt zwar eine Mittagspause von 13:00 bis 15:00, trotzdem bin ich nach so einem Schultag immer ziemlich platt. Die Stunden dauern 90 min und nach jeder Stunde koennte ich jedesmal direkt einen Schokoriegel verdruecken, weil es mich so hungrig macht. Trotzdem muss ich sagen, dass mir das Unterrichten hier verdammt viel Spass macht! Die Schueler sind zwischen 14 und 16 und koennen leider nur sehr wenig Englisch, aber da ich Spanisch kann, kann ich ihnen auch vieles erklaeren, was sie auf Englisch nicht verstehen. Ich kann nicht sagen, dass es hier viel strenger und disziplinierter zugeht als in Deutschland, aber die meisten Schueler sind sehr nett zu mir und eigentlich vestehe ich mich mit allen gut. Ich habe zwar keine Lieblings-Schueler, aber Lieblings-Klassen. Mit manchen kann man einfach total gut arbeiten, sie sind interessiert und fragen viel. Aber es gibt auch einige Klassen, die sich ewig an den leichtesten Sachen aufhalten. Manche schalten total ab oder sind einfach ziemlich frech.

Trotzdem macht es mir sehr viel Spass.
Und das Beste ist: Ich hatte immer gedacht, dass Lehramt wohl doch nicht das richtige Studium fuer mich sei. Ich dachte immer, dass ich frueher oder spaeter doch noch etwas anderes machen wuerde. Ich konnte mir nie wirklich vorstellen vor einer Klasse zu stehen und wusste nicht ob ich genuegend Autoritaet haben wuerde.
Und hier mache ich gerade genau die gegenteilige Erfahrung. Sobald ich im Unterricht bin habe ich total viel Energie, die Schueler respektieren mich (obwohl ich nur ein paar Jahre aelter bin als sie) und ich glaube (und hoffe) ihnen gefaellt mein Unterricht. Sie nennen mich immer nur Teacher oder Alena, weil sie sich meinen Nachnamen nicht merken koennen, und in den Pausen auf dem Flur oder nach der Schule auf der Strasse hoere ich immer Stimmchen "teacher, hello teacher". Aber es sind immer so viele Kinder, so dass ich nie weiss wo es herkommt.
Allein fuer diese Erfahrung war es schon Wert hierher zukommen!
Das Essen ist hier noch so eine Sache. Da Pta. Arenas relativ isoliert ist, sind die Menschen daran gewoehnt sehr viel Kartoffeln und Fleisch zu essen, denn Gemuese waechst hier nicht wirklich. Bis vor zehn Jahren war Obst und Gemuese hier unten dreimal so teuer wie im Rest des Landes. Frueher wurde die Ware fuer den Transport eingefroren und hier unten wieder aufgetaut. Deshalb war es ziemlich teuer und die Qualitaet war auch nicht unbedingt berauschend. Doch jetzt kommt die meiste Ware aus Argentinien und inzwischen ist Obst und Gemuese sehr viel frischer und guenstiger. Trotzdem sprueht die Kueche hier unten nicht unbedingt vor Rafinesse. Pta. Arenas ist zwar ein Hafen und es gibt sehr viel Fisch, doch das Meiste wird exportiert. Bei meiner Gastfamilie gibt es immer SEHR viel Fleisch. Und sehr viel Torte. Wenn man bei uns den Kuehlschrank aufmacht, kann das schon mal so aussehen:
Die Chilenen lieben naemlich alles, was suess ist. Vor Allem riesige Sahnetorten, kleine Gebaeckstueckchen, Eis (trotz der Kaelte gibt es Unmengen von Eisstaenden!) und suesse Getraenke. Darum leiden auch sehr viele Chilenen unter Uebergewicht und leider auch viele unter Diabetis. Eigentlich stehe ich ja auch verstaerkt auf alles Suesse, aber seitdem ich hier bin, laechze ich nach Herzhaftem. Was mich hier sehr gewundert hat, ist dass es hier nur Instant Kaffee gibt. Egal wo man hinkommt, bekommt man heisses Wasser mit Kaffeepulver! Im Supermarkt musste ich richtig suchen, um vernuenftigen gemahlenen Kaffee zu finden. Und das in Sued Amerika!
Neben Andrea und mir gibt es hier noch ca. zehn andere Volontaere, die aus England, Deutschland, Oesterreich und der Schweiz kommen. Die meisten arbeiten im Kindergarten oder in anderen Schulen. In meiner Schule arbeitet nur noch Thomas, aus England, der jetzt am Montag allerdings schon wieder abreist. Unsere Lieblingsbeschaeftigung im Moment ist Poker! Hier sind noch ein paar
Schnappschuesse aus unserem Leben, nach der Schule.
Vor ein paar Tagen wurden Thomas und ich von einer der Englisch Lehrerinnen eingeladen. Wir kamen um 17:00, was die typische Zeit fuer den "once" (elf) ist. Man trinkt Tee oder Kaffee, isst ein Stueckchen Kuchen oder eine Scheibe Brot. Keiner konnte mir erklaeren, warum diese Mahlzeit, die man um 17:00 zu sich nimmt, gerade ELF genannt wird. Aber es gibt viele Geruechte! Eines besagt, dass "once" ein Code sei fuer den Schnaps hierbabuena, ein Wort mit ELF Buchstaben. Aha! Vielleicht haben vor vielen Jahren die Damen der feinen Gesellschaft statt ihres five-o'clock-teas, hierbabuena in ihren Tassen gehabt, und haben dieses mit Hilfe des Codes "once" gut verheimlichen koennen. Oder Arbeiter einer hierbabuena Fabrik goennten sich oefter mal nach Feierabend ein Glaeschen hierbabuena und nannten es ONCE, damit ihr Chef nicht dahinter kam. Man weiss es nicht, aber ich finde es ziemlich spannend und man kann sich bestimmt noch viele andere Erklaerungen fuer die Bedeutung des Once einfallen lassen. Nachdem wir uns also once gegoennt hatten, haben wir fuer diese Lehrerin Englische Dialoge auf Kasette aufgenommen, die sie fuer ihren Englisch Unterricht benutzten moechte. Thomas und ich sind somit als Unterrichtsmaterial nun am Ende der Welt verewigt worden.
Leider vergeht die Zeit hier viel zu schnell und ich kann kaum glauben, dass mehr als die Haelfte meines Aufenthalts schon vorbei ist. Chile ist wirklich ein spannendes Land, es gibt hier einfach Alles: Wuesten und Hitze im Norden, Seen und Waelder in der "Mitte" (sozusagen) und das ewige Eis im Sueden. Der Teil der Chilenischen Antarktik ist uebrigens zweimal so gross, wie das Land selbst. Die Chilenen in Santiago behaupten, dass die Hauptstadt der Mittelpunkt des Landes sei. Doch die Menschen hier unten in Pta. Arenas beschwoeren, dass ihre Stadt die Mitte des Landes bildet. Denn wenn man auf der Landkarte den antarktische Teil des Landes beruecksichtigt, liegt Punta Arenas tatsaechlich in der Mitte. Leider sind die Ozon Werte in Punta Arenas sehr hoch und manchmal wobbelt das Ozonloch direkt ueber der Stadt. Das hat schon dazu gefuehrt, dass viele Tiere blind oder krank werden, und dass man sehr viele abgestorbene Baeume sieht. Also muss man hier wirklich jeden Tag Sonnencreme benutzen!
Chile ist unterteilt in 12 Regionen, die einfach nur nummeriert sind (was ich nicht sehr kreativ finde). Punta Arenas liegt in der 12. Region, die auch "Region de Magallanes y de la Antarctica Chilena" genannt wird. Eine Reise in die Antarktik waere natuerlich auch noch ein Traum von mir, aber da jetzt der Winter beginnt und das Wetter schlechter wird, wird es immer schwieriger und teuerer dorthin zu kommen. Ich koennte natuerlich noch mal bei der Chilenischen Luftwaffe anfragen, aber ich weiss nicht wie spontan die sind.


Das hier sind Fotos von der Universitaet in Punta Arenas. Die Uni hat nur 1000 Studenten! Man kann auch nicht alles studieren, soweit ich weiss nur Lehramt, Maschinenbau, Sprachen, Krankengymnastik (ja) und noch ein paar Studiengaenge, an die ich mich nicht mehr richtig erninnere. Im Moment sind sie aber dabei, die Uni um ein Vielfaches zu erweitern. Ich glaube, hierher kommt kaum jemand freiwillig zum studieren. Da es hier so kalt und ungemuetlich ist. Wer die Wahl hat, sucht sich eher eine Uni im Norden aus.
Eine Freundin von mir, Macarena. die hier studiert, hat mir vor ein paar Tagen eine kleine Tour duch die Uni gegeben. Wir sassen auf dem Flug von Santiago nach Punta Arenas nebeneinander, so haben wir uns kennengelernt und angefreundet. Da ihr Vater bei der Marine ist, hat sie schon ueberall in Chile gelebt, sogar fuenf Jahre auf den Oster Inseln, und wusste nicht mal, dass man dort leben koennte! Aber dort gibt es eine Schule, eine richtige Infrastruktur und alles, was man zum leben braucht. Sie hat mir erzaehlt, dass sie sich hier in Pta. Arenas sogar isolierter fuehlt als damals auf den Oster Inseln.






Ende des 18. Jahrhunderts kamen viele Europaer nach Patagonien, vor Allem siedelten sich viele englische, deutsche, spanische und kroatische Familien an, die sich der Schafzucht verschrieben. Denn hier gibt es riesengrosse Steppen und sehr flaches Land, das sich dafuer sehr anbot. Die Schafe wurden allerdings von den Falkland Inseln in die Region Magallanes gebracht, da die heimischen chilenischen Schafe mit dem Klima hier unten nicht so gut zurecht kamen. 





Hier in Pta. Arenas wohne ich bei einer chilenischen Familie, die mir ueber die Organisation zugeteilt wurde. Das Haus ist mitten im Zentrum und zu meiner Schule brauche ich zu Fuss nur ca. 15 min.






