Monday, March 20, 2006

19.03.2006, Estancia Rio de los Ciervos

Noche, nieve y arena hacen la forma de mi patria delgada, todo el silencio está en su larga línea.
Nacht und Schnee und Sand bilden die Gestalt meines schmalen Landes, alles Schweigen ist in seiner endlosen Linie.

Pablo Neruda, aus "Descubridores de Chile", 1950
Ende des 18. Jahrhunderts kamen viele Europaer nach Patagonien, vor Allem siedelten sich viele englische, deutsche, spanische und kroatische Familien an, die sich der Schafzucht verschrieben. Denn hier gibt es riesengrosse Steppen und sehr flaches Land, das sich dafuer sehr anbot. Die Schafe wurden allerdings von den Falkland Inseln in die Region Magallanes gebracht, da die heimischen chilenischen Schafe mit dem Klima hier unten nicht so gut zurecht kamen.
Wolle hat hier also eine lange Tradition und wird immer noch in grossen Mengen exportiert. Damals enstanden grosse Hoefe (Estancias) mit prunkvollen Gutshaeusern. Viele von diesen kann man sich immer noch anschauen.
Weil die Schafzucht so ein grosser Teil der Kultur Patagoniens ist, wollte ich mir unbedingt so eine Estancia anschauen. Genial waere es natuerlich gewesen, wenn ich sogar die Schafschur miterlebt haette. Aber die Schafe werden erst wieder im November/ Dezember geschoren. So lange wollte und konnte ich nicht warten. Aber eine typische Estancia wollte ich mindestens besuchen.
Also habe ich mich auf den Weg zu meinem Stamm-Reisebuero hier in Pta. Arenas gemacht (wo sie mich inzwischen schon gut kennen) und ihnen von meiner Idee erzaehlt.
Schliesschlich sollte ich Sonntag morgen abgeholt werden. Auf mich wartete eine Fuehrung auf der Estancia, ein Mittagessen (Lamm, natuerlich) und ein 4 Std. Ausritt.
Ich war schon so gespannt auf diesen Besuch und die Vorfreude war riesig. Leider wich der Vorfreude schnell Enttaeuschung, die immer groesser wurde, je laenger ich auf dieser Estancia war: Aus dem grossen Hof war inzwischen ein Hotel geworden! Die Besitzer bemuehten sich, dem Ganzen einen Museums-Touch zu geben. Es hingen viele alte Photos von der Familie im Haus, man konnte die ehemalige Schmiede sehen, wo noch ein paar Hufeisen an der Wand hingen.
Ich war endlos enttaeuscht. Das entsprach wirklich nicht meinen Erwartungen. Ich fragte nach den Schafen- keine Schafe. Huehner? -No! Vielleicht ein paar Schweine? - Fehlanziege. Kann man sich eventuell ehemalige Staelle anschauen? - Die hatten sich inzwischen in ein Restaurant verwandelt.
Die Fuehrung ueber den Hof, auf die ich mich so gefreut hatte, bestand darin, dass mir die Hotelzimmer gezeigt wurden!
Man kann schon sagen, dass es wirklich ein schoenes Hotel ist, und dass die Besitzer sich Muehe geben es authentisch aussehen zu lassen. Aber es war nicht das, was ich gerne sehen wollte. Ich hatte gehofft einen richtig urige, typische chilenische Estancia zu sehen. Wo die Bauern mit Laemmern unter dem Arm herumlaufen, wo man durch Mist gehen muss, wo die Pferde wiehern und man vielleicht sogar noch mit der Familie zusammen essen kann und etwas ueber ihre eigene Geschichte erfaehrt.
Zumindest war das Mittagessen ziemlich lecker. Es gab Lamm mit Kartoffeln. Danach sollte ich mit zwei Gauchos ausreiten. Und das war wirklich super! Der Aeltere konnte mir ganz viel ueber die Gegend erzaehlen und wie es frueher auf diesem Hof zuging.
Dann haben wir sogar noch eine Kuhherde (Kuehe hatten sie wenigstens noch. Es schien mir wie ein mittelgrosses Wunder!) von einer Weide auf eine andere gebracht, was bestimmt 1, 5 Std. gedauert hat. Ich war gluecklich!
Es war eine wunderschoene Landschaft und der Himmel war so blau, wie ich ihn selten gesehen habe. Wir haben wilde Pferde gesehen (wovon es hier immer noch viele gibt) und kamen an einer Lagune vorbei. Und eine Geier-Art haben wir gesehen, die hungrig ueber tote Tiere herfiel (manchmal passiert es, dass eine Kuh stirbt, dann wird sie einfach auf der Weide liegen gelassen).
Eigentlich ist das Wort "Weide" untertrieben, es waren eher kilometerlange Steppen, die menschenleer waren.



Als wir nach 4 Std. wieder zu der Estancia kamen und ich abstieg, war ich ueberzeugt mein Leben lang O-Beine zu behalten. Und ich entdeckte Muskeln, von denen ich noch gar nichts wusste. Eigentlich wollte ich gleich abends noch ins Internet Café gehen, um alles aufzuschreiben, was ich erlebt hatte. Aber ich war nicht mehr im Stande meine Knochen dorthin zu befoerdern.
Zum Schluss war ich ueber diesen Tag doch sehr gluecklich und naechsten Freitag gehe ich vielleicht nochmal mit meinem kleinen Gaucho ausreiten.

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